Anders

Vor zwei Jahren kam mir Washington behäbig vor, sauber, protzig. Nach New York schien die Stadt reine Fassade: zu viele Memorials, zu viel Macht, zu wenig Manhattan. Diesmal ist es anders.

Die Stadt

Statt Schnappschüsse entlang der Mall zu schießen, führt mein Weg meist durch U und 14. Street. Dort grüßen blinkende Leuchtreklamen und schiefe Straßenschilder, leere McDonaldsbecher liegen auf dem Boden und ein stetiger Pommes-Burger-Kaffee-Benzin-Curry-Geruch umweht die Nase. Eine Ecke weiter dann aber plötzllich brav aufgereihte rote Backsteinhäuser. Auf den Stufen vor der hellblauen Eingangstüre krault ein alter Mann versunken seine dicke Katze. Und ich stelle fest: Irgendwie gefällt mir das Washington besser.

Die Arbeit

Gut, im Prinzip macht ein Korrespondent das Gleiche wie die deutschen Kollegen. Kreativ sein, Recherchieren, Schreiben. Der Arbeitstag aber zum Beispiel beginnt hier schon am Vorabend. Soll ein Thema am nächsten Tag aktuell ins Blatt, muss es angekündigt und idealerweise bereits angefangen werden. Denn Deadline ist um 12 Uhr Ortszeit, wenn zuhause die ersten Druckmaschinen anlaufen. Also heißt es schneller sein. Dumm nur, wenn dir die Ereignisse die Zunge herausstrecken und der vorbereitete Text am Morgen schon wieder überholt ist. Da hilft nur weitermachen, neue Recherche.

Im direkten Kontakt mit den Amerikanern fällt die leicht. Fast jeder hat einen Freund/Bruder/Bekannten/Vater der in Germany studiert/gelebt/geliebt hat und über das Oktoberfest, Heidelberg oder seltener auch Berlin findet sich schnell ein Einstieg in jedes Gespräch. Beruflich Auskunft zu bekommen ist hingegen manchmal komplizierter. German newspaper und deren Berichte interessieren kaum, ob man da dem Pressebüro den Namen Spiegel oder Main-Post buchstabiert, ist egal.

Der Alltag – Eindrücke

Eine Terrasse im Nordosten der Stadt. Es dämmert, der riesige Bambus raschelt im Wind. Auf dem Grill von den Ausmaßen einer Harley brutzeln Spieße. Es gibt Wein und Whiskey, Tapas – und Moskitospray. Der Gastgeber reicht gleich drei verschiedene Varianten in die Runde. Zu Recht. Die Biester sind nerviger und finden nackte Haut treffsicherer als jede deutsche Stechmücke.

Am nächsten Morgen im Supermarkt ist um neun Uhr morgens genauso viel los wie um neun Uhr am Abend zuvor. Klopapier wird in Kommodengroßen Paketen verkauft, Obst, Gemüse und sogar Eier sind „ready to eat“ in Plastiktaschen verpackt. Hallo Klischees. But I think I like it.

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